Europa ändert Regeln für Jahresabschlüsse von Kleinstbetrieben

Nach dem Europäischen Parlament hat nun auch der Rat der Europäischen Union die Vorlage der Richtlinie über den Jahresabschluss von Kleinstbetrieben verabschiedet. Die Mitgliedsstaaten erhalten die Möglichkeit, Kleinstbetriebe oder kleine Unternehmen mit weniger als 10 Arbeitnehmern von der Veröffentlichungspflicht ihres Jahresabschlusses zu befreien. Belgien muss jetzt entscheiden: Werden die belgischen Kleinstbetriebe von der Publikationspflicht des Jahresabschlusses befreit?

Was sind Kleinstbetriebe?

Eine Kleinstbetrieb ist eine Gesellschaft, die am Bilanzstichtag zwei der drei folgenden Kriterien nicht überschreitet:

Bilanzsumme: 350.000 Euro

Nettoumsatz: 700.000 Euro

durchschnittliche Anzahl der Beschäftigten während des Geschäftsjahres: 10

Der Begriff Kleinstbetrieb ist nicht identisch mit dem Begriff Kleinstunternehmen. Ein Kleinstunternehmen wird als ein Unternehmen definiert, das weniger als 10 Personen beschäftigt und dessen Umsatz oder jährliche Bilanzsumme nicht mehr als 2 Millionen Euro beträgt. Diese Definition ist nur für bestimmte Bereiche (z. B. staatliche Subventionen) oder das Europäische Rahmenprogramm für Forschung und technologische Entwicklung bindend (siehe Empfehlung 2003/361/EG vom 6. Mai 2003).

Änderung der Richtlinie 78/660/EWG

Die Veröffentlichung von Jahresabschlüssen bedeutet für Kleinstbetriebe oder kleine Unternehmen einen erheblichen Verwaltungsaufwand. Europa arbeitet schon seit einigen Jahren an einem Vorschlag zur Verringerung dieses Verwaltungsaufwands. Nach dem Europäischen Parlament hat jetzt auch der Rat der Europäischen Union die Richtlinienvorlage zur Änderung der Richtlinie 78/660/EWG des Rats über den Jahresabschluss von Gesellschaften bestimmter Rechtsformen hinsichtlich Kleinstbetrieben verabschiedet (siehe Richtlinie 2012/6/EU vom 14/03/2012). Die neuen Regeln sollen für eine bürokratische Vereinfachung sorgen. Heute müssen alle europäischen Kleinstbetriebe ihren vollständigen Jahresabschluss veröffentlichen. In der Europäischen Union gibt es 5 Millionen Kleinstbetriebe, was ungefähr drei Viertel der Unternehmen entspricht. Die Mitgliedstaaten haben jetzt die Wahl, die Verpflichtung beizubehalten oder die Kleinstbetriebe von der Veröffentlichungspflicht ihres Jahresabschlusses zu befreien. Sie befreien die Unternehmen damit nicht von der Pflicht, einen vereinfachten Jahresabschluss aufzustellen.

Befreiungen

Ein Kleinstbetrieb kann mehrere Befreiungen oder Vereinfachungen in Anspruch nehmen:

Befreiung von der Rechnungsabgrenzung: Rechnungsabgrenzung bedeutet, Aufwendungen und Erträge derjenigen Rechnungsperiode zuzuordnen, in die sie zeitlich gehören. Die Rechnungsabgrenzung wird nur für Abgaben in Bezug auf Grund- und Hilfsstoffe, Wertberichtigungen, Personalkosten und Steuern beibehalten. Alle anderen Aufwendungen können auf Basis der Kasse gebucht werden;

Befreiung von der Erläuterung zur Bilanz und Erfolgsrechnung: diese Befreiung gilt unter der Bedingung, dass die wichtigsten Informationen als Fußnote zur Bilanz aufgenommen werden. Darunter fallen u. a. Informationen über Beträge zugunsten von Vorstandsmitgliedern, leitenden und aufsichtführenden Gremien und Informationen über den Erwerb eigener Aktien;

Befreiung vom Geschäftsbericht: weil nichtnotierte kleinere Gesellschaften in Belgien keinen Geschäftsbericht aufstellen müssen, ist dies für belgische Unternehmen nicht so relevant;

Befreiung von der Publikationspflicht oder Veröffentlichung des Jahresabschlusses: der Jahresabschluss braucht nicht hinterlegt zu werden (in Belgien bei der Belgischen Nationalbank). Bedingung ist allerdings, dass die in der Bilanz enthaltenen Informationen bei einer dazu bestimmten zuständigen Behörde hinterlegt werden. Dabei entstehen Fragen über die Zugänglichkeit und die Transparenz der Finanzdaten. Die Hinterlegungsgebühren für den Jahresabschluss sind in unserem Land relativ niedrig, und anschließend kann jeder Interessierte die Daten kostenlos auf der Website der Nationalbank elektronisch einsehen.

Umsetzung der Richtlinie in innerstaatliches Recht

Die Mitgliedstaaten müssen die neuen europäischen Regeln jetzt in ihre innerstaatliche Gesetzgebung umsetzen. Sie müssen also entscheiden, ob sie die Möglichkeit, Kleinstbetriebe von der Publikationspflicht des Jahresabschlusses zu befreien, nutzen wollen oder nicht. Weil es sich um eine Möglichkeit zur Einführung von Befreiungen und Vereinfachungen handelt, ist keine Frist für die Umsetzung der europäischen Richtlinie in innerstaatliche Rechtsvorschriften vorgesehen. Aber wenn wichtige Handelspartner wie Frankreich und Deutschland die Möglichkeiten nutzen werden, die in der Richtlinie vorgesehen sind, kann sich dies wettbewerbsverzerrend auswirken, wenn Belgien zum Beispiel die Veröffentlichungspflicht von Jahresabschlüssen beibehalten sollte.

© Weynand & Partner Steuerberatung pgmbh

 

Steuerberater, Buchhaltungsexperten
Eupener Strasse 61
4731 EYNATTEN
087/85.82.10
info@weynand.be